… ob ich mich wirklich für den richtigen Beruf entschieden habe. Zum Beispiel an Tagen wie diesem. Es ging schon nicht gut los. Als ich aufstand (um 4.20 Uhr), tat mein Rücken weh. Rückenschonende Arbeitsweise ist ja zur Zeit nicht so gut möglich. Auf Arbeit angekommen rauchte die Schwester mit der ich Dienst hatte, erstmal drei Zigaretten bevor wir endlich loslegen konnten. Das war schon ein schlechtes Zeichen. Dann versuchte ich mit Engelszungen eine Patientin Bewohnerin davon zu überzeugen, dass Duschen doch eine tolle Sache ist und ich ihr hinterher auch schön die Haare föhnen werde… zum Dank schlug sie nach mir und meinte “verpiss dich doch du alte Ziege!” Ich war leicht verzweifelt, denn ich wusste einfach nicht was ich tun sollte. Die Schwester meinte ich darf noch nicht weitergehen und besagte Patientin noch ein bisschen schlafen lassen. “Die wird jetzt geduscht. Und fertig.” Ich redete also noch ein bisschen auf die Oma ein, ohne Erfolg, ging es der Schwester nochmal beichten und wurde maulend ins nächste Stockwerk geschickt: “Dann gehen Sie eben hoch oder sonstwohin!” Na prima. Es war gerademal 6.50 Uhr.
Die nächste Bewohnerin war glücklich mich zu sehen und ließ sich auch leicht dazu bewegen mit mir ins Bad zu gehen. Kaum hatte ich die Windel Schutzhose zum Waschen entfernt, pullerte sie los und wollte unbedingt zurück auf die Coach… Scheiße, verdammt noch mal!” Ich “fing” sie also wieder ein, wischte den Urin auf, fand noch ein Stück Kot unterm Bett, so hart, dass es nicht erst seit ein paar Stunden dort liegen kann und ziehe seither IMMER Handschuhe an, wenn ich diese Wohnung betrete. (Mir doch egal was die kosten.)
Ich war immernoch müde (zur Übergabe gibt’s dort übrigens keinen Kaffee, Sparmaßnahme…) und machte mich auf den Weg zur nächsten Problembewohnerin. Die wollte auch nicht aufstehen und hatte ins Bett gepullert. Ich war kurz vorm Heulen und hörte schon die Schwester mit mir schimpfen, weil ich die Bewohner alle nicht aus dem Bett kriege… Nach 10 Minuten hatte ich sie dann aber doch soweit, dass wir zusammen ins Bad gehen konnten. Keine Handschuhe. Scheiße, verdammt noch mal! Also runtergerannt, Handschuhe geholt, die Schwester getroffen, Anschiss gekriegt weil ich noch nicht fertig bin und ab nach oben, wo die Bewohnerin sich schon wieder ins nasse Bett gelegt hatte. Ich brauchte noch eine dreiviertel Stunde bis sie fix und fertig am Frühstückstisch saß und hätte nach der Aktion selber gerne eine geraucht, wie meine “Kollegin”… aber ich musste weiter.
Das Grauen nahm kein Ende. Ein bettlägriger Mann Ende 70 ließ sich zwar bereitwillig von mir waschen, ist aber so adipös, dass sich meine Rückenschmerzen nicht gerade besserten. Diesmal hätte ich vor Schmerzen heulen können, und dann beim Anblick seines Penis, der furchtbar verpilzt war und ein Lehrbuchbeispiel einer Paraphimose aufwies, weil irgendein Idiot es nicht für nötig gehalten hat, die Vorhaut wieder nach vorn zu schieben nach dem Waschen. Ich versteh das nicht. Nun ging also garnix mehr. Seinen Stumpfverband alleine neu zu machen, gestaltete sich auch nicht gerade als einfach, aber ich bekam es ganz gut hin…
In der “Frühstückspause” (10 Minuten allein im Aufenthaltsraum… Kollegin war draußen Lungenbrötchen essen) dachte ich echt darüber nach, warum ich nicht wie meine Freunde einfach ein Studium angefangen hab. Ich dachte nach und dachte nach… und kam zu dem Schluss, dass das einzige Studium was ich mir vorstellen könnte, Medizin wäre, und dafür war mein Durchschnitt (2,1) nicht gut genug. Und dann zwang ich mich an ein paar schöne Momente zu denken, die ich bis jetzt in der Pflege erlebt habe, und konnte ein bisschen neue Kraft schöpfen für den Rest des Tages.
Sehr nette Kolleginnen scheinst du da zu haben. Die sind wahrscheinlich selbst schon ausgebrannt.
Aber Kopf hoch: Auch das schrecklichste Praktikum geht mal vorbei und dann kommst du wieder wo hin, wo du mehr Freude an der Arbeit hast.
[...] Manchmal überkommen mich leise Zweifel… [...]
2.1 reicht doch, zumindest mit Wartesemestern. Da kann man 2 Semester Chemie vorher machen, das hilft ungemein.
Ja, mit 10 Wartesemestern. Und ein Chemie-Studium würde ja eh nicht als Wartezeit zählen…
Über Losverfahren?
Einige der Plätze besetzen die Unis selbst, wenn sie nicht genug Zusagen via ZVS bekommen. Mein Bruder hat so z.B. mit 1,7 einen Studienplatz bekommen – über ne Bewerbung direkt an den Unis.
Ja das wäre noch ne Möglichkeit. Aber eigentlich arbeite ich ja gern in der Pflege, nur manchmal… eben nicht. Und die Ausbildung abbrechen würde ich eh nicht. Von daher =)
Vielleicht tröstet dich ja auch folgendes:
Es ist ganz normal, auch mal Zweifel zu haben – und zwar besonders dann, wenn man gut ist und den Job gut machen möchte und von allen Seiten ausgebremst wird.
Es ist zwar irgendwie paradox, hat sich aber in mittlerweile 11 Jahren Uni-Erfahrung (als Studentin und Dozentin) immer bestätigt:
Die grottenschlechten Vollidioten zweifeln *nie*. Zweifeln tun nur die Guten. Weil die Guten nämlich sehen, wo sie noch was verbessern können und manchmal an der Flut des noch-Unwissens ver-zweifeln. Die Doofen sehen gar nicht, was sie alles nicht wissen – und haben also auch kein Problem.
Wie macht man sich den Zweifel zu nutze?
Indem man das Sokratische “ich weiß, dass ich nichts weiß” um ein “… aber ich kanns lernen!” ergänzt
Ja, das tröstet mich ein bisschen
Danke dir. Und mittlerweile bin ich ja auch wieder raus aus dem Zweifelsloch. Es sind halt nur manchmal diese Tage…